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Aus den BNN vom 13. Mai 2011

    Freiheitsidee in die Praxis umgesetzt
    Erste Kriegsverbrecherprozesse vor 65 Jahren / 14 Männer bei Sandweier erschossen

„Dieses Gericht ist ein politisches Gericht und dieser Prozess ist ein politischer Prozess!” Der Vorwurf des Saarbrücker Rechtsanwaltes Erwin Müller hallte vor 65 Jahren durch den Ahnensaal. Dass der Vorwurf der Siegerjustiz zu Unrecht erhoben wurde, erfuhren die 50 Zuhörer im Vortragsraum des Pagodenburg-cafes. Der Historische Verein Rastatt hatte zum Historischen Abendtreff mit Elisabeth Thalhofer geladen. Die Leiterin der Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte berichtete in ihrem Bildvortrag über die Rastatter Prozesse und das erste Verfahren, das im Mai und Juni 1946 vor dem Tribunal General in der französischen Besatzungszone stattgefunden hatte.
Fast auf den Tag genau vor 65 Jahren, am 15. Mai, einem Mittwoch um ein Uhr mittags, war im Ahnensaal des Barockschlosses von Rastatt der erste Kriegsverbrecherprozess in der französischen Besatzungszone eröffnet worden. Auf der Anklagebank saßen 32 Männer und fünf Frauen. Sie hatten von 1943 bis 1944 zum Personal des Gestapo-Lagers Neue Bremm in Saarbrücken gehört. Drei Wochen nach Prozessbeginn verkündete der Vorsitzende Richter das Urteil: 14 Männer, unter ihnen der ehemalige Lagerkommandant, wurden zum Tode verurteilt. Ihnen wurden Morde an mindestens 82 Menschen zur Last gelegt. Am Morgen des 30. Juli 1946 fand die Urteilsvollstreckung durch Erschießen in der Nähe von Sandweier statt.
Das Generaltribunal war im Frühjahr 1946 in Rastatt eingerichtet worden. Als oberste Gerichtsinstanz in der französischen Besatzungszone war es für Verfahren wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zuständig. Warum gerade Rastatt als Sitz des Generaltribunals gewählt wurde? „Rastatt ist eine Stadt, in der wiederholt für die Freiheit gekämpft worden ist", zitierte Elisabeth Thalhofer aus der Rede von Charles Furby. Der Leiter der Justizabteilung der französischen Militärregierung erklärte bei der Eröffnung des Gerichtes, es sei nun Frankreichs Pflicht, die Ideen der Freiheit in die Praxis umzusetzen.
Vor dem Rastatter Tribunal wurden all jene NS-Verbrechen verhandelt, für die die französischen Untersuchungsrichter und Staatsan-

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wälte die Todesstrafe beantragt hatten. Gegenstand von Verfahren waren vor allem die Außenlager des KZ Natzweiler im Elsass.
Wie viele Personen sich insgesamt vor diesem französischen Militärgericht verantworten mussten und wie viele von ihnen zum Tode verurteilt wurden, ist bis heute nicht abschließend geklärt. „Die Prozessakten unterliegen einer 100-jährigen Sperrfrist", berichtete Elisabeth Thalhof er. Für ein Forschungsprojekt an der Saar-Uni hatte ihr das französische Außenministerium die Akteneinsicht durch eine Sondergenehmigung ermöglicht. „Das war eine große Chance, etwas über die französische Prozesspraxis zu erfahren.

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Nach dem Vortrag berichteten die Zuhörer über ihre eigenen Erinnerungen, schilderten Erlebtes und Beobachtetes. „Es waren viele neue Gesichter dabei, freuten sich die Vereinsvorsitzenden Karl-Josef Fritz und DieterWolf über die große Resonanz und die lebhafte Diskussion. Noch immer ist das Tribunal General ein bewegendes Stück Zeitgeschichte für die Rastatterinnen und Rastatter.                                           BNN

Am Donnerstag, 7. Juli, findet um 19 Uhr der nächste historische Abendtreff statt. Kreisarchivar Martin Walter spricht dann in einem Lichtbildvortrag über das Rastatter Schloss

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